Frieder Stöckle erinnert an Rosa Kamm

Veröffentlicht am 31.07.2007 in Allgemein

Rosa Kamm wäre am 26. Juli 2007 100 Jahre alt geworden. Zum Gedenken an die Sozialdemokratin und im Sport und sozial besonders engagierte Schorndorfer Bürgerin legte die SPD am 26. Juli um 11 Uhr auf dem Schorndorfer Friedhof einen Kranz nieder. SPD-Gemeinderat Frieder Stöckle erinnerte an Rosa Kamms Wirken. Hier der gesamte Text seiner Rede ....

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Dr. Frieder Stöckle. Rede zum Gedenken an Rosa Kamm am 26.7.2007
Rosa Kamm zum Hundertsten

Liebe Familie, liebe Freunde, meine Damen und Herren,
wir haben uns hier eingefunden um Rosa Kamm zu gedenken, die heute 100 Jahre alt geworden wäre!

Der Kontext prägt den Lebens –Text: 1907: Die Folgen einer ungebremsten Industrialisierung –Imperialismus –Nationalismus – Militarismus führen zur Katastrophe des 1. Weltkrieges. Das Mädchen Rosa ist 7 Jahre alt – und in den schwierigen Zeiten des Anfangs der Weimarer Republik mit Ruhrbesetzung, Inflation und Hitlerputsch 16 Jahre.

Die Konsolidierungsphase, die politische Polarisierung und schließlich das Ende der Weimarer Republik erlebt sie als junge Frau. Mit Beginn der menschenverachtenden, mörderischen Hitlerdiktatur ist Rosa Kamm 26 Jahre alt.

Dieser gesellschaftliche und politische Kontext war mit-bestimmend für ihren Lebens-Text: Entschlossenes Eintreten für Frieden und Gerechtigkeit, gegen Kapitalismus und Militarismus! Für eine soziale Demokratie!

Als ich sie anlässlich ihres 80. Geburtstages im Sommer 1987 besuchte, kam sie auf ihre Zeit bei der ‚Falken-Jugend’ zu sprechen, zapfte den immer verfügbaren Erinnerungsspeicher an und rezitierte mit Feuer:

“ ‚Nie wollen wir Waffen tragen,
nie wollen wir wieder Krieg.
Hei – lass die hohen Herren
Selber sich erschlagen –
Wir machen einfach nicht mehr mit!’
So zogen wir singend durch die Stadt...“

Das Sein bestimmt das Bewusstsein: Sie war die Tochter eines Schriftsetzers aus dem katholischen und souverän-freien Schwäbisch Gmünd.

Die Großmutter war Sandverkäuferin, Scheuer –und Fegsand war ihre Ware.
Mit dem oft bitteren Los der Menschen , vor allem der unteren Schichten war sie vertraut. Den freien Gmünder Geist und die heiter- menschliche Frömmigkeit hat Rosa Kamm mit nach Schorndorf gebracht. Nicht zum Nachteil der Stadt.
Bis ins hohe Alter war sie Mitglied im Kirchenchor der katholischen Kirche.
Die andere Seite war der Sport. Schon in Gmünd war Rosa Kamm aktive Sportlerin. Und über den Sport lernte sie Gottlob Kamm, ihren späteren Mann kennen.

Gottlob Kamm, der als junger Mann in den mörderischen Materialschlachten auf den französischen Schlachtfeldern ein Bein verlor, bestärkte sie in ihrem Eintreten für eine friedvollere und menschlichere Welt.

Er hat früh den Wahnsinn kapitalistischer Rüstungspolitik, von Nationalismus und Kriegstreiberei durchschaut und ist konsequent für eine soziale und demokratische Politik eingetreten. Eine Haltung, die ihn später ins Konzentrationslager auf den Kuhberg Ulm brachte .

Gerade zu einer Meinung stehen können, das mausgraue Duckmäusertum ablehnen und in der politischen Bewertung und Analyse die richtigen Schlüsse ziehen können – das war die Grundhaltung des Ehepaars Kamm. So waren sie später ‚stadtbekannt’.

Nach der kaufmännischen Lehre bei einer Gmünder Silberwarenfabrik 1925, dem Jahr ihrer Verheiratung, übernahm das Ehepaar dann den Schorndorfer ‚Bahnhofsverkaufsstand’ (Ständle).

Von 1925 bis zum Kriegsbeginn 1939 trieb Rosa Kamm das ‚Ständle’ um. Der Arbeitstag begann um 5 Uhr früh und endete nach 21 Uhr, mit dem letzten Bier der letzten Schicht. Bahnhofsständle - das war nicht nur Verkauf von Ware, sondern vor allem auch Austausch von Meinungen, politische Kommunikation. „Die Hakenkreuzfahne wurde bei uns nicht rausgehängt, ‚Schwarz-Rot-Gold’ ja, sagte der Gottlob immer. Oder die Stadtfarben. Aber nicht die Nazifahne!“ erinnerte sich Rosa Kamm. 1926, 1927 und 1929 wurden Berthold (‚Berte’) Anneliese und Walter geboren.

Das berühmte Foto! Ein Foto zeigt einen zur Spottfigur dekorierten Schnee-Hitler vor dem ‚Ständle’. Arbeiterfreunde und politisch-kritische Köpfe drumherum. Der kleine Berte trägt einen Pullover mit den Farben des „Reichsbanners“ schwarz-rot-gold. Das war Provokation. Solche mutigen Aktionen waren einsame Inseln im dumpfen Meer angstdurchsetzter Anpassung! Mit der stumpfsinnigen Konsequenz des totalitären Staates schlug das Regime zurück: Gottlob Kamm wurde im Februar 1934 abgeholt.

Und Rosa? Nicht Resignation war die Reaktion, sondern der wütende Protest einer menschlich gebliebenen Seele: „Ich bin runter gefahren zur GESTAPO nach Stuttgart. Stundenlang saß ich vor den Türen. ‚Was habt ihr mit meinem Mann gemacht -? Er hat keinem Menschen was getan!’ Ich bekam keine Auskunft...“ Vom Bahnhofsständle aus erlebten die Kamms den Terror von rechts.

1939 mußte das Ständle aufgegeben werden. Rosa Kamm betrieb jetzt in Cannstatt einen Lebensmittelladen. Mit Anhänger (die kleine Ursula, 1942 geboren, schlafend auf dem Rücksitz) fuhr Rosa Kamm täglich nach Cannstatt. Den schwer kriegsversehrten Mann fuhr sie mit derselben Regelmäßigkeit nach Stuttgart und wieder zurück. ‚Chauffeur’ war ihr zweiter Beruf, sie behielt ihn lebenslang bei. Bis ins hohe Alter kutschierte die ständig hilfsbereite Rosa Kamm Sportlerinnen und Sportler, aber auch behinderte Menschen, mit deren Schicksal sie ein tiefes menschliches Gefühl und eine im Kreatürlichen wurzelnde Liebe verband.

Beide Kamms, Rosa und Gottlob, waren nach dem Krieg 1947 Vertreter in der Verfassungsgebenden Landesversammlung. Verlässliche Demokraten – nicht erst „von der Stunde Null“ an. Gottlob Kamm - es ist bekannt – wurde Minister für Entnazifizierungsfragen, eine Arbeit, die ihn in vielerlei Konflikte brachte.
„Gerächt hat sich Gottlob nirgends,“ erinnerte sich Rosa. „Das entsprach nicht seinem menschlichen und politischen Grundverständnis!“

Rosa Kamm übernimmt 1946 die Leitung des SPD—Ortsvereins. 1947 – 1953 ist sie Mitglied des Gemeinderates der Stadt. Bei einer weiteren Kandidatur 1959 bringen Gottlob und Rosa 30% der gesamten SPD—Stimmen.
Ihr Credo? Ihre politische ‚Theorie’?

„Ich war immer für eine klare Linie im Gemeinderat. Und ich habe nur da den Mund aufgemacht, wo ich ganz mit dem Herzen dabei war. Sonst nicht!“
Wenn man in diesen Satz hineinhört – und sich die aufgemachten Münder derzeit im Gemeinderat vor Augen und Ohren führt kann man schon nachdenklich werden- ...

Von 1975 – 1977 zieht Rosa Kamm nochmals in den Gemeinderat. Von 1973 – 1984 ist Rosa Kamm im Kreistag. Sie setzt sich dort vor allem für Belange des Krankenhauswesens ein.

‚Frauenarbeit’, wie sie Rosa Kamm gleich nach dem Krieg 1946 anpackte, hatte wenig mit ‚Selbsterfahrung’ und ‚Selbstfindung’ zu tun.
Aus einer Rede, die Rosa Kamm am 4. März 1956 hielt:

„Ich komme als eine der wenigen Frauen, die sich mit der Politik beschäftigen, zu Ihnen. Ich weiß – und das zeigt der heutige Besuch der Frauen -, dass ein Großteil der Männer heute noch die Ansicht vertritt, die Frau gehört ins Haus zu den Kindern, hinter den Herd und mit der Politik soll sie sich nicht beschäftigen. Diese Auffassung wird wohl so lange anhalten, bis das sogenannte schwache Geschlecht von sich aus nicht selbst den Mut aufbringt, sich die Gleichberechtigung auf politischem Gebiet zu erkämpfen. Die Zeiten der sogenannten Versorgungssehen sind längst vorbei...“

In die Zeit des kommunalpolitischen Engagements fällt auch ihre Leiterinnentätigkeit bei der Arbeiterwohlfahrt.
1965 als die boomende PKW-Entwicklung zur ernsthaften Bedrohung für die Kinder wurde - denen bislang der Straßenraum gehörte – gründete Rosa Kamm den Kinderspielplatzverein. Dort, wo besonders viele Kinder auf engem Raum sind, die Eltern nicht viel Geld haben, kein Garten vorhanden ist –muss ein Spielplatz gebaut werden! In der Erlensiedlung entstand Schorndorfs erster Kinderspielplatz.

Mit Hingabe und unermüdlichem Einsatz setzte sich Rosa Kamm nach dem Krieg für den Sport ein. Nach der Neugründung des SKV Schorndorf war sie 20 Jahre lang Hauptkassier und geschäftsführende Vorsitzend . Sie gründete die Handballerinnen-Gruppe, betreute aber vor allem die jungen Fußballer. Ob fehlende Trikots, Kickstiefel, oder häusliches Ausgehverbot und damit Spielblockade – Rosa Kamm griff die Probleme auf und löste sie. Und sie stiftete auch manchen Bund fürs Leben – weil Sport und Leben, Spiel und Ernstfall noch nicht so verhängnisvoll getrennt waren wie heute. Rosa Kamm war ‚Mutter der Mannschaft’... Noch als 80-Jährige war sie auf dem Sportplatz und feuerte ihre Spieler an „Agreifa!“

Angegriffen hat sie Ihr Leben lang. Aber auch sie wurde vom Leben ‚angegriffen’ und geformt. Sie blieb auf der Seite der Schwachen und benachteiligten, der abhängigen und arbeitenden Menschen. Eine Anwältin der Menschlichkeit.

Bei einem Gespräch anlässlich des 80. meinte sie „wir haben viel gefeiert, früher. Gesungen und getanzt.,“ und nach einer Pause, die nachdenklich stimmt, fügt sie hinzu: „Es wird nicht mehr gesungen heute, damit ist etwas verloren gegangen...“

1970 bekam Rosa Kamm als erste Frau im Rems—Murr-Kreis das Bundesverdienstkreuz und am 21. 8. 1987 aus den Händen von Oberbürgermeister R. Hanke die städtische Verdienstmedaille in Gold.

Wenn eine Stadt mit ihrer Geschichte auch so etwas wie eine ‚soziale Landschaft’ darstellt, dann ist Rosa Kamm ein leuchtender menschlicher Bezugspunkt. Die Erinnerung an sie verhilft zu Orientierung und Sinn. Wir brauchen solche Erinnerung – und sind dankbar, dass es diese Frau in unserer Stadt gab. Herzlichen Dank!
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