Wie kam es zum Dritten Reich?

Veröffentlicht am 16.09.2013 in Allgemein

Am 13. September 2013 hat der Schorndorfer Historiker Dr. Günther Zollmann in einer gemeinsamen Veranstaltung von Schorndorfer AWO und der SPD im Rahmen der Reihe „Schorndorf 1933 bis 1945, Erinnern – Gedenken – Mahnen“ vor sechzig Zuhörerinnen und Zuhörern einen interessanten Vortrag zur Frage "Wie kam es zum Dritten Reich?" gehalten. Hier der Vortrag im Wortlaut:

Einleitung

1923 war ein Krisenjahr der Weimarer Republik: Geldentwertung und Inflation, Massenarbeitslosigkeit, Instabilität und Radikalisierung des politischen Lebens. Frankreich und Belgien besetzten das Ruhrgebiet, um die Reparationsleistungen einzutreiben. Die Bevölkerung leistete passiven Widerstand. In München schlossen sich rechtsradikale Verbände und die NSDAP zum „Deutschen Kampfbund“ zusammen. Hitler versuchte am 9. November, durch frühes Losschlagen die Führung innerhalb des nationalistischen Lager an sich zu reißen. Nach dem Vorbild Mussolinis, der 1922 durch seinen „Marsch auf Rom“den Faschismus in Italien an die Macht gebracht hatte, wollte er mit seinem Kampfbund die Herrschaft über Deutschland gewinnen. Der Hitler-Putsch scheiterte noch in der gleichen Nacht.

Ende 1928 erließ Hitler neue Richtlinien für die Propagandaarbeit seiner Partei. Die üblichen Angriffe auf die Konservativen wurde gestoppt. Der Kampf gegen die Weimarer Republik, den Marxismus und das Judentum wurde aktiviert. Es war ein Rechtsschwenk großen Ausmaßes. Alfred Hugenberg, Vorsitzender der Deutschnationalen, ein Medienmogul, initiierte ein Volksbegehren gegen die „Kriegsschuldlüge“ und den Young-Plan. Er holte Hitler mit ins Boot. Große Industriebosse wie Thyssen, Flick und Borsig unterstützten nun die NSDAP finanziell. Auch wenn die Volksabstimmung scheiterte – jetzt war zum ersten Mal die „Nationale Opposition“ beisammen, die Hitler 1933 an die Macht bringen sollte.

Am 30. Januar 1933 ernannte Reichspräsident Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler. Mit diesem Tag begann das „Dritte Reich“. 1932 ließ Hindenburg schon zwei Mal mit Hitler über eine Regierungsübernahme verhandeln. Zwei Mal verweigerte der Reichspräsident die Machtübernahme, weil Hitler unerfüllte Forderungen stellte. Hitler wollte auf der Basis der präsidialen Vollmachten regieren: die alleinige Gesetzgebungskompetenz in Form der Notstandsverordnungen ohne Zustimmung des Parlaments. Hindenburg fürchtete eine Parteidiktatur der NSDAP. Hitler hatte daraus gelernt: Er war zu einer Koalition mit den Deutschnationalen bereit, zu einer Regierung der „nationalen Konzentration“.

1923 – 1928 – 1933: Die Jahreszahlen stehen für drei Etappen in der Entwicklung der NSDAP: 1923 - Verbot und Scheitern; 1928 - Hitlers Aufstieg – die NSDAP als Führerpartei und Bewegung, und 1933: Der Weg zur Macht und die Schaffung des Dritten Reiches.

Hitlers Aufstieg – Die NSDAP als Führerpartei und Bewegung

Nach dem gescheiterten Putsch am 9. November 1923 und in den 13 Monaten seiner Haft auf der Festung Landsberg zog sich Hitler scheinbar aus der Politik zurück. In dieser Zeit zersplitterte der völkische Block durch heftige Führungskämpfe zahlreicher Rivalen. Es zeigte sich, eine Einheit der Völkischen war in der so genannten „führerlosen Zeit der Bewegung“ ohne die Integrationsfigur Hitler nicht möglich.

Während seiner Haftzeit arbeitete Hitler an seiner autobiografischen Programmschrift „Mein Kampf“. So markierte die Festungshaft einen wichtigen Einschnitt in Hitlers Leben. Vor allem seine eigene Rolle stellte er in einem neuen Licht dar. Betrachtete er sich bislang als „Trommler“ für einen späteren „Führer“, nun sah er sich selbst als der „Erretter“ Deutschlands und als „Führer“ in eine „bessere“ deutsche Zukunft. Seine Weltanschauung hat er in dem Buch „Mein Kampf“ offen gelegt. Jeder konnte lesen, was Hitler plante: die Errichtung einer Diktatur, den Mord an den europäischen Juden, den rassistisch begründeten Lebensraumkrieg gegen die Sowjetunion; der Friede war nie sein Ziel. Sein Hauptkampf galt den Juden als Kern der „Rassenfrage“. Seine Anhänger wussten genau, wen Hitler meinte, wenn er schreibt: „Die Nationalisierung unserer Masse wird nur gelingen, wenn bei allem positiven Kampf um die Seele unseres Volkes ihre internationalen Vergifter ausgerottet werden.“ Deutlich zeigt sich in „Mein Kampf“ die enge Verbindung von Krieg, vor allem Lebensraumkrieg, Errichtung einer nationalen Diktatur mit der Judenvernichtung.

Die Entwicklung der NSDAP zur „Führerpartei“ - die NSDAP als Splitterpartei 1925 -1930

Betrachtet man die Zeit zwischen 1925 und 1930, so war die NSDAP nur eine kleine, kaum beachtete Splitterpartei am äußersten Rand der Rechten. In diesen Jahren ging es den Menschen wirtschaftlich einigermaßen gut. Solange die Wirtschaft Auskommen und Wohlstand bot, solange ging es auch der Weimarer Demokratie gut. Vielleicht wären Hitler und der Nationalsozialismus ohne die Depression seit Ende 1929 wirklich nur eine „Übergangserscheinung der Nachkriegswirren“ geblieben.

Dennoch waren die ruhigen Jahre der Republik für Hitler und seinen späteren Aufstieg zur Macht nicht „Jahre in der Wüste“, wie es Goebbels einmal ausdrückte. Hitler gelang es, seine Rivalen ausschalten. Als Ludendorff 1925 als Kandidat der NSDAP für das Amt des Reichspräsidenten kandidierte und nur 1 Prozent der Stimmen erhielt, stürzte er in die Bedeutungslosigkeit ab. Hitler hatte auf der extremen Rechten keinen Rivalen mehr zu fürchten. In diesem Zeitraum gelang es ihm, sich als Führer der äußersten Rechten zu etablieren und die Partei in eine straff organisierte Führerpartei umzugestalten, was nach 1933 auf den ganzen Staat übertragen werden konnte. Für die meisten Deutschen war die NSDAP die „Hitler-Bewegung“, und diese Gleichsetzung von Partei und Person wurde ein Merkmal des Dritten Reiches mit seiner Vergötterung Hitlers als „unfehlbarem Führer“, dem viele auch nach 1945 nicht zutrauten, etwas von den Verbrechen der SS gewusst zu haben - „Wenn das der Führer wüsste“, wurde zu einem geflügelten Wort bei denen, die die Wahrheit nicht wahrhaben wollten.

Ein wichtiger symbolischer Ausdruck des Führerkultes war der Gebrauch des „deutschen Grußes“ „Heil Hitler“ mit ausgestrecktem rechten Arm, auch wenn Hitler nicht persönlich anwesend war. Seit 1926 in der Bewegung zwingend vorgeschrieben, wurde er mehr und mehr, auch schriftlich verwendet. Diese Gepflogenheiten verstärkte die Abhängigkeit der Bewegung von der Person Adolf Hitlers.

Die NSDAP – der Wiederaufbau der Bewegung

Im Februar 1920 benannte sich die Partei in Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP). Wenn auch Hitler sich von Anfang an als unversöhnlicher Gegner der Sozialdemokratie und des Kommunismus bezeichnete, übernahm er doch von diesen linken Parteien das Selbstverständnis als Bewegung. Die Nationalsozialisten zogen es vor, von der „nationalsozialistischen Bewegung“ zu sprechen, so wie die Sozialdemokraten von der „Arbeiterbewegung.“ Bewegung suggerierte nicht nur Dynamik und ständiges Fortschreiten, sondern auch ein anzustrebendes Endziel. Wenn die NSDAP Klasse durch Rasse und die Diktatur des Proletariats durch Diktatur eines Führers ersetzte, verkehrte sie die Begriffe der sozialistischen Ideologie in ihr Gegenteil. Strasser und seine Anhänger, zu denen auch Josef Goebbels gehörte, vertraten einen „nationalen Sozialismus“, der in den Schützengräben des Weltkrieges entstanden war. Goebbels und seine Freunde verstanden sich als wirkliche Revolutionäre. In einem Brief schrieb er damals: „National und sozialistisch. Was geht vor und was kommt nach? Bei uns im Westen (Rheinland) kann die Frage nicht zweifelhaft sein. Zuerst die sozialistische Erlösung, dann kommt die nationale Befreiung wie ein Sturmwind.“

Die Nationalsozialisten erstrebten, wie ihr Parteiname besagte, die Vereinigung der zwei politischen Lager Links und Rechts. Ein treffendes Sinnbild für diese Synthese von rechts und links war die offizielle Parteifahne, die Hitler persönlich auswählte:
- Das Feld war in einem hellen Rot, der Farbe des Sozialismus, gehalten.
– Das Hakenkreuz, als Emblem des völkischen Nationalismus, hob sich schwarz von einem weißen Kreis in der Mitte der Fahne ab.
- Das Ganze ergab eine Kombination aus Schwarz, Weiß und Rot, den Farben der offiziellen Flagge des Kaiserreichs. Nach der Revolution von 1918 verdeutlichten diese Farben die Ablehnung der Weimarer Republik, deren Nationalfarben Schwarz, Rot und Gold an die demokratische Tradition des 19. Jahrhunderts anknüpfte.
- Jedoch mit dem Hinzufügen des Hakenkreuzes, das viele rechtsextreme Bewegungen und Freikorpsverbände als ihr Symbol gebrauchten, gaben die Nationalsozialisten zu verstehen: An die Stelle der Weimarer Republik wollten sie nicht die alte Monarchie, sondern einen neuen, alldeutschen und völkischen Staat setzen.

Die nationalsozialistische Bewegung lebte in den späten zwanziger Jahren von der Tatkraft und den Fanatismus ihrer aktiven Parteimitglieder. Ohne sie wäre die NSDAP eine politische Partei wie die anderen gewesen: Das Dritte Reich wurde nicht zuletzt von den einfachen SA-Leuten und Parteigenossen vor Ort geschaffen.

In der Weimarer Republik tobte ein Kampf in der Jugend um ihren Platz in der Gesellschaft. Die Nationalsozialisten machten sich den Frust der nachwachsenden Generation zunutze. Ihr gelang es, in großer Zahl junge Unterstützer zu mobilisieren. Von den 107 im Jahr 1930 gewählten NSDAP-Abgeordneten waren 45 unter 35 Jahren. Die ältere Generation waren Männer des mittleren Alters: Hitler war 1929 40, Goebbels 32, Göring 36, Hess 35 und Gregor Strasser 37.

Was war es, das junge Leute bedingungslos an die nationalsozialistische Bewegung band? Hitlers Charisma spielte sicherlich eine Rolle. Noch größere Bedeutung hatte die Verführung, die von der nationalsozialistischen Propaganda ausging: Hitler- und Goebbelsreden, Aufmärsche, Fahnen, Umzüge, nationalsozialistischesGedankengut.

Die junge Kriegsgeneration erlernte ihren ideologischen Fundus in den Schützengräben des Ersten Weltkrieges: Unbedingte Kameradschaft; der Einzelmensch gilt nichts, erst im Kollektiv der feldgrauen Uniformen wird er zur Macht. Die Heroisierung der Härte und des Opfers prägte auch die Jüngeren. Der moderne Jugendliche sollte ein Tatmensch sein, kein grüblerischer Zauderer. Dieses Credo der Härte und Unerbittlichkeit der Frontkämpfer wurde auf die Zivilgesellschaft der Weimarer Republik übertragen. Kompromisse galten als Zeichen der Schwäche. Heroisches Handeln musste radikal, oft gewalttätig sein.

Solche Männer kamen oft zum paramilitärischen Flügel der NSDAP. Sie betätigten sich oft in den Freikorps, die man als „Vorhut des Nationalsozialismus“ bezeichnete. Für solche Leute war die Gewalt wie eine Droge. Ihren Hass und ihre Wut richteten die SA-Leute auf Sozialdemokraten und Kommunisten. Das ganze Ausmaß dieses Fanatismus ist schwer zu begreifen, wenn man nicht anerkennt, dass sie oft wirklich glaubten, Opfer für ihre Sache zu bringen. Die NSDAP war auf solche Opferbereitschaft angewiesen.

Für Kreise jenseits der unteren Mittelschicht wurde die NSDAP Anfang der dreißiger Jahre attraktiv. Seit der Gründung der Partei bildete die untere Mittelschicht ihr Rückgrat. Allmählich entwuchsen die Nationalsozialisten ihren bescheidenen Anfängen und weckten auch das Interesse der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Eliten.

Der Aufbau der totalitären Binnenstruktur der NDSAP

In die Jahre 1927/ 28 fiel der Aufbau der neuen, für ganz Deutschland verbindlichen Binnenstruktur der NSDAP. Die Partei wurde in 35 Gaue neu aufgeteilt. Die Gauleiter wurden von Hitler persönlich ernannt. So wurde der Rheinländer Goebbels Gauleiter von Brandenburg-Berlin. Ein Jahr später wurde zwischen den Gauen und den Ortsgruppen eine neue Zwischenstufe in Form der Kreise gebildet.

Auf Orts- und Kreisebene wurde erbittert um Schlüsselpositionen in der Parteihierarchie gerungen. Hitler war der Meinung, es sei nicht Aufgabe der Parteileitung, Ortsgruppenführer einzusetzen. Vielmehr müsse es der tüchtigste Kämpfer in der Bewegung sein, der sich auf Grund seiner Leistungen als Führer durchsetzt. Auf diese Weise würden sich die rücksichtslosesten und tüchtigsten Kräfte zu Machtpositionen aufsteigen. Dieses Prinzip hatte Hitler später bei der Führung des Dritten Reiches befolgt. Dadurch war die Partei auf allen Ebenen ständig aktiv und damit beschäftigt, zu marschieren, zu kämpfen, zu demonstrieren und zu mobilisieren.

Ernste Konflikte hatte Hitler mit der SA. Denn die SA verstand sich vorrangig als Wehrverband und räumte daher dem Militärischen einen größeren Stellenwert ein als dem Politischen. Aber Hitler misstraute der SA, ihrem Landsknechts-Denken und ihrer sozialistischen Ausrichtung, durch die die scheinbar klassenlose „Schützengraben- Gesellschaft“ auf den Staat übertragen werden sollte. Daher schuf er 1925 eine ihm treu ergebene, auf ihn eingeschworene neue Parteiformation, die Schutzstaffel „SS“. Die SS entwickelte sich eigenständig und verstand sich bald als elitäre Gegenorganisation zur rabaukenhaften SA. Die SS sollte keine Massenorganisation sein wie die SA, sondern eine Elite, ihrem Führer treu ergeben. Daher hatte die SS ein strenges Auswahlverfahren: Die Anwärter brauchten zwei Bürgen für ihre nationalsozialistische Gesinnung, ferner: Mindestgröße von 1,70 Meter, „nordisches“ Aussehen. Großen Wert legte man auf Disziplin und Kleidung. Hitler selbst begründete den elitären Kult der SS, als er der SS die „Blutfahne“ vom 9. November 1923 übertrug. Diese hatte damals Heinrich Himmler getragen. Erst als Himmler 1929 neuer „Reichsführer SS“ wurde, begann der Aufstieg der Schutzstaffel zum gefürchteten „Orden unter dem Totenkopf“, der seinen Schatten über das Reich und halb Europa legen und zum Vollstrecker von Hitlers Rassenwahn werden sollte, dem Millionen von Menschen zum Opfer fielen.

Ende der zwanziger Jahre traten neben die nationalsozialistischen Organisationen für Frauen, Jugendliche, Studenten und Schüler, Gruppen für Beamte, Kriegsversehrte, Bauern und viele anderen Personenkreise, die durch gezielte Propaganda direkt angesprochen wurden. Mit dieser Ausdifferenzierung der Bewegung wurde das langfristige Ziel verfolgt, die Grundlage für die nationalsozialistische Gleichschaltung der Gesellschaft zu bilden, sobald Hitler einmal die Regierung übernehme. Zusammengehalten wurde das Gefüge durch die bedingungslose Treue zu einem Führer, dessen Macht ab 1933 absolut war.

Auf dem Weg zur Machtergreifung: 1930 -1933

Grundlage für die Machtergreifung Hitlers 1933 waren die enormen Erfolge der NSDAP bei den Urnengängen 1930 und 1932. In der Zeit des rapiden Niedergangs der deutschen Wirtschaft 1929 - 1932 fällt der große Sprung der NSDAP von 800 000 Stimmen auf 6,4 Millionen im Jahr 1930, 13 Millionen im Sommer 1932 und 17 Millionen im März 1933. Im Vergleich: Die verhassten politischen Gegner die Sozialdemokraten und die Kommunisten erreichten zuletzt 12 – 13 Millionen Stimmen, die NSDAP und die Deutschnationalen etwa 19 – 20 Millionen.

Wahlerfolge und die Wähler der NSDAP

Wer waren Hitlers Wähler? Insgesamt gesehen, fällt eine starke Fluktuation der NSDAP-Wähler auf. So waren die Frauen lange Zeit wenig geneigt, NSDAP zu wählen. Doch änderte sich dies 1930. Seit 1932 war die NSDAP auf dem Land erfolgreicher als in den Städten, vor allem in den Großstädten. Die Berufszugehörigkeit der Wähler war breit gestreut. Allerdings nahm die Bereitschaft, NSDAP zu wählen, von der Unterschicht zur Oberschicht zu. Vom Zentrum und von den linken Parteien konnte die NSDAP vor 1933 nur wenige Stimmen abziehen. Die Auffassung, die Arbeitslosigkeit habe der NSDAP die Wähler in die Arme getrieben, ist zu relativieren. Die Arbeitslosigkeit hat zwar die extremen Parteien begünstigt, aber die Radikalisierung erfolgte unter der Arbeiterschaft eher nach links, beim Mittelstand eher nach rechts.

Aufgrund dieses Sachverhaltes entwickelte der Soziologe Seymour Lipset in den 1960er Jahren die Theorie: „Faschismus sei als Radikalismus der unteren Mittelschicht zu verstehen. Diese lange Zeit dominierende Sichtweise korrigierte der Mainzer Politikwissenschaftler Jürgen Falter 1991 in seiner Studie „Hitlers Wähler“. Er stellte fest:

Die NSDAP erhielt ihre Stimmen aus allen Schichten und aus allen politischen Lagern. Sie sei, so Falter, die erste deutsche Volkspartei gewesen. Mit diesem Begriff war seit dem 19. Jahrhundert der Anspruch verbunden, nicht für einzelne Interessengruppen oder Schichten, sondern für das ganze Volk zu sprechen. Voraussetzung für die Wahlerfolge der Nazi-Partei war ihre Öffnung für alle Schichten, Konfessionen und Berufe.

Das bedeutete allerdings nicht, dass sich die Stimmen für Hitler gleichmäßig verteilten. Unter den Wählern der NSDAP waren Selbständige, Handwerker, Bauern, Beamte, Akademiker, Angestellte und Pensionäre überdurchschnittlich vertreten. Wichtiger als Beruf oder Wohnort war der Faktor Konfession für die Wahlentscheidung. Bis zum Urnengang 1932 erwiesen sich Katholiken als weitgehend immun gegenüber der NSDAP. Die Wahlkreise, in denen die NSDAP ihre besten Ergebnisse erreichte – über zwei Drittel der Stimmen - lagen in protestantischen ländlichen Regionen. Die Wähler, die in den Großstädten für die Hitlerpartei votierten, wohnten vor allem in den Vierteln der Wohlhabenden.

Die Oberschicht sah in der NSDAP vor allem ein Bollwerk gegen die kommunistische Bedrohung. Für die Mittelschichten war sie eine Partei, die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Protest bündelte. Allen NSDAP-Wählern gemeinsam war die Ablehnung der verhassten Weimarer Republik und eine tiefe emotionale Zuneigung zu einem völkischen Nationalismus. Das Argument, die große Not habe breite Schichten des deutschen Volkes den Nationalsozialisten zugeführt, ist ernst zu nehmen.

Trotz alledem: Der NSDAP ist es bis März 1933 nicht gelungen, bei Wahlen die absolute Mehrheit zu erringen. Bis November 1932 hatte sie nie mehr Stimmen als die beiden Linksparteien, SPD und KPD, zusammen. Daraus kann man den Schluss ziehen: Die Machtergreifung Hitlers beruhte nicht auf einem klaren Wählerauftrag, sondern auf dem Votum der konservativen Kräfte, die die Abkehr von der Weimarer Demokratie hin zu einer autoritären Staatsform propagiert hatten und nun glaubten, Hitler als ihre Marionette verwenden zu können.

Faschismus: Vermassung und Führerprinzip

Der Erfolg Hitlers in den Jahren 1930 - 1933 kann man als Beweis dafür betrachten, dass der große Mann Geschichte macht, indem er die Masse mit seinen Ideen entflammt. Aber nicht nur für Hitler, sondern auch für die Partei, war Massenbeeinflussung die zentrale Aufgabe. Schließlich mussten die „Bewegung“ und ihre Ziele der Öffentlichkeit bekanntgemacht, mussten Aufmerksamkeit erregt und Anhänger gewonnen werden, um zur dominierenden Kraft der Rechten aufzusteigen. „Die NSDAP der Weimarer Republik“, so der Historiker Peter Longerich, „war eine Propagandabewegung von Grund auf.“

Die persönliche Wirkung und Faszination Hitlers auf die Massen darf nicht unterschätzt werden. Der Historiker Andreas Wirsching warnt davor, den Aufstieg des Nationalsozialismus und damit die Krise der Weimarer Republik zu personalisieren. Der Arzt und Psychologe Wilhelm Reich sagt: „Faschismus ist keine Tat eines Hitler oder Mussolini, sondern Ausdruck der irrationalen Struktur des Massenmenschen. Da der Faschismus stets und überall als eine von Menschenmassen getragene Bewegung auftritt, verrät er alle Züge und Widersprüche der Charakterstruktur des Massenmenschen. Vom Standpunkt seiner Basis gesehen, war der Nationalsozialismus ursprünglich eine kleinbürgerliche Bewegung.“

Die Prinzipien, wie die Massen zu manipulieren sind, legte Hitler in seiner programmatischen Schrift „Mein Kampf“ fest. Er sah sich vor folgende Fragen gestellt: Wie kann man an die Massen herankommen? Wie kann man die nationalsozialistischen Gedanken zum Siege verhelfen? Zu diesem Zweck appellierte er an die nationalistischen Gefühle der Massen. Er versuchte die Bewegung auf einer Massenbasis zu organisieren, indem er eine eigene Propagandatechnik entwickelte. Dass diese Massenorganisierung gelang, lag an den Massen. Der wachsende Erfolg der NSDAP und ihres Führers beruhte auf der Popularität der Botschaft: Der Verneinung des Bestehenden, etwa der parlamentarischen Demokratie und des Kapitalismus, sowie die Verunglimpfung der Juden, Marxisten und Demokraten und aller, die für die Weimarer Republik standen. Dazu kam das Versprechen, das deutsche Volk aus der Zerrissenheit in Klassen und Parteien zu befreien. Diese Mischung programmatischer Aussagen traf genau die emotionalen Empfindungen vieler von Existenzangst geplagter Bürger und Arbeiter. Beeinflusst von Vordenkern der Massenpsychologie wie dem französischen Mediziner Gustave Le Bon entwarf Hitler Grundsätze seiner Propaganda.

Im 20. Jahrhundert spielte die Vermassung der Menschen und die sie verursachende Propagandamaschinerie vor allem im Dritten Reich eine erschreckende verhängnisvolle Rolle. Die Anleitungen zur Mobilisierung der Massen und die Grundsätze der nationalsozialistischen Propaganda finden sich in Hitlers „Mein Kampf“. In der Wissenschaft scheint man sich darin einig zu sein, dass Hitlers Gedanken zur Massenmanipulation auf den Erkenntnissen des französischen Arztes Gustave Le Bon basieren.

Hitler orientiert seine Anforderungen an die Propaganda an den von der Massenpsychologie postulierten Merkmale der Masse:

Aufgabe der Propaganda ist die Mobilisierung der Masse. Denn das Ziel der Bewegung ist „Erringung der politischen Macht“ (S. 336): „Wer die Masse gewinnen will, muss den Schlüssel kennen, der das Tor zu ihren Herzen öffnet: Er heißt nicht Objektivität, also Schwäche, sondern Wille und Kraft“ (S. 331) In den anderen Worten gesagt: „Aufgabe der Propaganda ist … das ausschließliche Betonen der eigenen Meinung.“ (S.185)Der massenpsychologische Charakter der Masse bestimmt auch die Mittel und die Sprache der Werbung: „Die Macht … war seit ewig nur die Zauberkraft des gesprochenen Wortes. Die breite Masse eines Volkes unterliegt immer nur der Gewalt der Rede“ (S. 113) Die Sprache sollte nicht auf „die Urwüchsigkeit der Ausdrucksweise“ verzichten. Denn dann „findet sie nicht den Weg zum Empfinden der breiten Masse.“ (S. 336) Ein weiteres Kennzeichen ist der Gebrauch einer „Rhetorik der Gewalt“: „In der gleichmäßigen Anwendung der Gewalt allein liegt die Voraussetzung zum Erfolg. Diese Beharrlichkeit jedoch ist immer nur das Ergebnis einer bestimmten geistigen Überzeugung.“ (S.174) Ein Studium des Programms zeigt, dass Hitler mit Schimpfwörtern wie „Parasit“ und „Wanze“ den Gegner diffamiert. Vor allem ruft Hitler seine Anhänger zur „Ausrottung des europäischen Judentums“ auf. Eigentlich eher negative Begriffe werden positiv umgewertet: Die breite Masse kann nur durch „rücksichtslose und fanatisch einseitige Einstellung“ überzeugt werden.

Jedoch reicht die Manipulation der Masse zum Sieg der Bewegung allein nicht aus. Hitler kommt bei seiner Analyse, warum die alldeutsche Bewegung im Ersten Weltkrieg gescheitert sei, zum dem Schluss: „Der fast religiöse Glaube, verbunden mit einer ebensolchen Opferwilligkeit, wird nimmer zu finden sein.“ (S. 108). Seine Begründung: „Nur die Größe der Opfer wird neue Kämpfer der Sache gewinnen, bis endlich die Beharrlichkeit der Lohn des Erfolges wird.“ (S. 109).

In dieser pseudoreligiösen Stilisierung des Kämpfers greift Hitler auf den „religiösen Charakter aller Überzeugungen“ zurück, wie ihn Le Bon bestimmt. Für dem Begründer der Massenpsychologie hat man eine religiöse Haltung, „wenn man alle Kräfte seines Geistes … alles Gluten des Fanatismus dem Dienst einer Macht …weiht, das zum Ziele und Führer der Gedanken und Handlungen wird.“ Denn mit dem religiösen Gefühl seien gewöhnlich Unduldsamkeit und Fanatismus verbunden. Le Bon nennt Beispiel aus der Geschichte: „Die Jakobiner der Schreckenstage waren ebenso tief religiös wie die Katholiken der Inquisition, und ihr grausamer Eifer entsprang der gleichen Quelle.“

Neben der Vermassung und der Propaganda, dem Fanatismus und der Gewaltbereitschaft der Mitglieder war der Führerkult der ausschlaggebende Faktor für die Wahlerfolge der NSDAP. Hitler entzog sich zunehmend den anderen führenden Parteimitgliedern. Diese Haltung passte in sein geradezu mystisches Sendungsbewusstsein und in sein Selbstbild seiner „geschichtlichen Größe“, seiner „heroischen Mission“ zur „Rettung Deutschlands“. Hitler wollte das Bild eines über den Parteiquerelen, über den Intrigen und Machtkämpfen stehenden „Führer“ vermitteln. Das bedingte, dass er sich im hohen Maße selbst isolierte , und selbst wer ihn kannte, fand es schwer, seine Persönlichkeit zu verstehen. Hitler tat alles, um diese Rätselhaftigkeit zu verstärken. In allem war er auch ein Schauspieler. Bei seinen bühnenreif inszenierten Auftritten wurden nichts dem Zufall überlassen. Hitler erschien immer mit Verspätung, immer erfolgte der Einmarsch demselben Ritual, begleitet von derselben Marschmusik, die Rede war sorgfältig aufgebaut. Stets ging es Hitler um den Eindruck, den er machte. Je nach Anlass und Publikum wählte er seine Kleidung aus. Hitler verinnerlichte diese Schauspielerei, dass Menschen später erklärten, er habe wohl immer eine der jeweiligen Situation angepasste Rolle gespielt. Wenn er mit einfachen Parteimitgliedern zusammentraf, drückte er ihnen oft die Hand und sah ihnen fest in die Augen. Die so „Ausgezeichneten“ vergassen diese Auszeichnung oft ein Leben lang nicht mehr. Für Hitler aber bedeutete dies eine zusätzliche Verstärkung der Mitglieder an ihn, den Führer, wie im Mittelalter zwischen Herr und Gefolgsmann.

Welche Macht und Rolle hat nach seinen Worten Hitler als Führer? In seinem Werk „Mein Kampf“ schreibt er: „Er ist der ausschließliche Führer der Bewegung. Sämtliche Ausschüsse unterstehen ihm und nicht er den Ausschüssen. Er bestimmt und trägt damit aber auch auf seinen Schultern die Verantwortung. … Wer Führer sein will, trägt bei höchster unumschränkter Autorität auch die letzte und schwerste Verantwortung. Wer dazu nicht fähig oder für das Tragen der Folgen seines Tuns zu feige ist, taugt nicht zum Führer. Nur der Held ist dazu berufen.“
S. 337)

Der persönliche „Nimbus“ - der Zauber, der von Hitler ausging -, die nationalsozialistische Propaganda, die Rituale der Massenveranstaltungen trugen zur Bildung des Führermythos bei. Der von der Vorsehung Erwählte und Beschützte, der in der Einsamkeit seiner Entscheidung um das Wohl seines Volkes Ringende, das war das Führerbild von Adolf Hitler. Das Charisma Hitlers war so offensichtlich, dass er nicht nur von Parteigenossen verherrlicht wurde, und Fehler und Mängel entschuldigt wurden. Die Redensart „Wenn das der Führer wüsste“, legt davon ein Zeugnis ab. Die NS-Propaganda baute dieses Bild zu einem Führerkult aus, der Hitler mit religiösen Zügen ausstattete.

Die Stilisierung Adolf Hitlers zu einem „übergroßen“ Führer war eine zentrale Aufgabe der NS-Propaganda. Das Volk sollte blindes Vertrauen in die Fähigkeiten des Führers gewinnen. „Führer befiehl, wir folgen“ und „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“ waren Wendungen, die den blinden Gehorsam eines Großteils der Bevölkerung gegenüber Hitler unterstreichen sollten.

Schluss:

Seit dem 30. Januar 1933 war Adolf Hitler nun Reichskanzler – ein Traum für seine Parteigänger, ein Alptraum für seine Gegner. Die meisten Deutschen reagierten „phlegmatisch“; für sie schien es belanglos zu sein, wer Reichskanzler war. Andere waren überzeugt, der Ex-Gefreite werde nicht lange Kanzler sein. Der Nationalkonservative Franz von Papen, Hitlers Stellvertreter in der Regierung, legte sich sogar fest: „In zwei Monaten haben wir Hitler in die Ecke gedrückt, dass er quietscht.“

Irrtümer, wie sie größer nicht hätte sein können.

Hitler war nicht der Mann, der sich mit einer Rolle des Juniorpartners begnügte. ER war ein skrupelloser Machtmensch, getrieben von einem brennenden politischen Ehrgeiz. Seine konservativen Steigbügelhalter waren ihm nicht gewachsen. Es ist bemerkenswert, wie wenig der „Führer und Reichskanzler“ tun musste, um sein Ziel der persönlichen Alleinherrschaft zu erreichen.

Dieser Marsch in den totalitären Staat startete am 30. Januar 1933. Hitler erreichte sein Ziel am 2. August 1934 mit dem Tod Hindenburgs. Für diese „braune Revolution“ war schnell ein Begriff gefunden: Gleichschaltung.

Innerhalb von 4 Wochen existierten die verfassungsrechtlich geschützten Bürgerrechte nicht mehr; innerhalb von 8 Wochen war nicht mehr das Parlament, sondern Hitler Herr der Gesetzgebung; innerhalb von 14 Wochen wurden die Gewerkschaften aufgelöst; innerhalb von nur 23 Wochen waren die Oppositionsparteien verboten – oder sie hatten sich selbst aufgelöst. Übrig blieb nur noch eine Partei: die NSDAP.

Innerhalb weniger Monate hatte die nationalsozialistische Diktatur fast sämtliche Lebensbereiche erfasst. Begleitet wurde dieser Weg in die totalitäre charismatische Alleinherrschaft von massiver Propaganda, Terror, Manipulation und - bereitwilliger Zusammenarbeit und Gleichgültigkeit, vor allem wenn viele politische Gegner auf sozialdemokratischer und kommunistischer Seite inhaftiert und ermordet wurden. Am Ende, nach Hindenburgs Tod, war der Führer oberster Gerichtsherr und Oberbefehlshaber der Streitkräfte. Die jetzt in Wehrmacht umgenannte Reichswehr verpflichtete sich, Hitler „ewige Treue und unbedingten Gehorsam zu schwören „ - zuvor waren die Soldaten auf die Verfassung vereidigt.

Nur wenige erkannten offenbar die Bedeutung dieses letzten Schritts: Einer war der jüdische Gelehrte Viktor Klemperer. Nach Hindenburgs Tod schrieb er in sein Tagebuch: „Der vollkommene Staatsstreich wird vom Volk kaum gemerkt. Ich möchte schwören, dass Millionen gar nicht ahnen, was für Ungeheures geschehen ist.“

 

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