Bodenständiger Visionär

Veröffentlicht am 10.03.2009 in Presseecho
Stöckle

Bericht der Schorndorfer Nachrichten vom 6. März 2009 - Der Pädagoge, Poet und Parteisoldat Dr. Frieder Stöckle wird heute 70

Frieder Stöckle wäre nicht Frieder Stöckle, wenn er nicht sofort enthusiastisch von einem neuen Projekt erzählen würde - in diesem Fall von der anstehenden Spielplatzneugestaltung bei der Schlosswallschule. Denn nichts tun, nichts planen, keine Visionen und Utopien haben, das gibt es bei ihm nicht. Und dabei wird er heute 70. „Rechnerisch“, sagt Stöckle und lacht, weil er’s selber kaum glauben kann.

Frieder Stöckle ist vieles in einer Person: Familienmensch, Pädagoge, Handwerker, Künstler, Geschichts- und Heimatforscher, Musiker, Autor, Familientherapeut, Spielplatzvereins-Vorsitzender, Kommunalpolitiker - und sicher noch einiges mehr. Und alles macht er mit Herzblut und Leidenschaft. Egal ob er nun beim Bau eines Spielplatzes zur Säge und zum Hobel greift oder ob er sich im Gemeinderat mit fein gedrechselten Worten und Sätzen für ein Projekt verkämpft. Dass er zunächst einmal Schreiner gelernt hat, hat ihm auch in seinem späteren Leben als freilich immer bodenständiger Akademiker und Künstler geholfen. Weil es ihm, sagt er, nie schwergefallen sei, „mit normale Leid z’sammez’schaffa, die ned bloß mit dr Gosch guad drauf sen“. Und somit ist er selber das beste Beispiel für einen, der, um es mit dem von ihm zitierten Beuys zu sagen, „soziale Plastiken“ schafft. So wie sie auch entstehen, wenn es ihm immer wieder gelingt, bei Spielplatzaktionen Chancen für ganz neue Netzwerke zu eröffnen, indem sich der deutsche Zahnarzt und der türkische Arbeiter im Schweiße ihres Angesichts oder spätestens beim gemeinsamen Vesper näher kommen. Da wäre noch viel mehr möglich, meint Frieder Stöckle, denn: „Viele reden von der familienfreundlichen Stadt und schicken Mails hin und her, aber keiner greift zu Hammer und Schaufel.“

Wenn Stöckle gefragt wird, was sich wie ein roter Faden durch sein erwachsenes Leben zieht, dann antwortet er ohne langes Nachdenken: „Die Pädagogik.“ „Die positive Auseinandersetzung mit der Jugend seit 50 Jahren“ sei es, die ihn jung gehalten und angetrieben habe und die ihn auch heute noch motiviere, sich für und gemeinsam mit jungen Menschen zu engagieren. Zum Beispiel, indem er Schüler der Daimler-Realschule, an der er 20 Jahre lang unterrichtet hat, in Polen mit der schrecklichen deutschen Vergangenheit konfrontiert. Angefangen hat er seine sozialpädagogische Karriere vor 50 Jahren als Leiter des Stuttgarter Jugendhauses, das seinerzeit so links-politisiert wird, dass viele Veranstaltungen wegen Anfeindungen von außen nur unter Polizeischutz stattfinden konnten. Eine Mini-Manu im aufregendsten Sinne. Zehn Jahre ging das gut, dann hat der ehemalige Realschüler die Zugangsprüfung zur Pädagogischen Hochschule in Ludwigsburg geschafft und Philosophie, Soziologie und Geschichte studiert. Sechs Jahre lang hat er anschließend als wissenschaftlicher Mitarbeiter am neu installierten didaktischen Zentrum für Geschichte gearbeitet und in dieser Zeit auch angefangen, seine Dissertation über altes Handwerk zu schreiben. Wobei es ihm auch um die technischen Prozesse, aber vor allem um Lebensgeschichten, um „Handwerk als Lebensform“ ging.

Vision: Patenschaften von Schulen für Seniorenheime

Dieses Interesse ist geblieben. Derzeit arbeitet er gemeinsam mit Rolf Failmezger an einer Dokumentation zur Geschichte der Firma Röhm, und Ähnliches könnte sich Dr. Frieder Stöckle auch für die Firma Breuninger vorstellen, bevor von dem Areal und den Original-Arbeitsplätzen nichts mehr übrig ist. „Schorndorf könnte mit seiner Industriegeschichte punkten“, meint Stöckle, ohne dass er deshalb so sehr Nostalgiker oder Utopist ist, dass er ernsthaft daran glaubt, dass sich in dem alten Gemäuer neue zeitgemäße Nutzungen unterbringen lassen. Seine Utopien und Visionen beziehen sich immer auf die Gesellschaft und das Zusammenleben der Gruppen und Schichten, die sie ausmachen. Eine Vision ist zum Beispiel, dass es dauerhafte, regelmäßige und für beide Seiten nützliche Kontakte zwischen Schulen und Seniorenheimen gibt. „Das“, glaubt Stöckle, „müsste mit der Ganztagesschule zu leisten sein.“

22 Bücher hat Frieder Stöckle bislang geschrieben, 2006 war er in mehr als 100 Lese- und Schulbüchern mit Beiträgen vertreten. Unter anderem auch mit Auszügen aus seinem Buch über „Feld-, Wald- und Wiesenspiele“, die seinem Verlag einen geharnischten, aber folgenlosen Protestbrief der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald und des Landwirtschaftsministeriums eingebracht haben. In seinen Gedichten und poetischen Abhandlungen geht es schwerpunktmäßig um äußere und innere Identität und um Heimat in einem unverfälschten und unmissverständlichen Sinne. Und als nächstes Projekt hat er sich die Aufarbeitung der schriftlichen Hinterlassenschaft des Künstlers Alfred Seidel vorgenommen.

Es gibt also viele Strecken, an denen Frieder Stöckle noch etwas dranbleiben will. Auch an der Kommunalpolitik und im Gemeinderat. Dass er noch einmal für die SPD kandidiert, begründet er ganz freimütig damit, dass er auch „ein Parteisoldat und Kanalarbeiter“ ist. Einer freilich, den auch noch Themen wie etwa die neue Museumskonzeption reizen und faszinieren. Apropos Strecken. Stöckle ist kein Asket, er trinkt auch gerne mal ein Bier oder ein Viertele. Aber er weiß, dass man den Körper auch fordern muss. Was er tut, indem er regelmäßig gewisse Strecken läuft. Bis vor fünf Jahren ist er, angeleitet von seinem Mentor Rainer Brechtken, auch Marathons gelaufen, den ersten in Florenz, danach unter anderem zehn in Berlin. Und beim gemeinsamen Laufen mit Brechtken ist so manch gute Idee geboren worden. Zum Beispiel die, dass Ursel Kamps gegen Winfried Kübler ins Oberbürgermeister-Rennen geschickt werden sollte. Vielleicht auch deshalb waren die Gemeinderatsjahre mit Kübler für ihn so anstrengend: „Der hat in mir immer einen Revolutionär gesehen.“

Quelle: Schorndorfer Nachrichten vom 6. März 2009, Redakteur Hans Pöschko

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