Geben wir der Gleichgültigkeit keine Chance!

Veröffentlicht am 24.11.2019 in Veranstaltungen

Am Volkstrauertag 2019 hat unser Schorndorfer Ehrenbürger und ehemaliger SPD-Fraktionsvorsitzender, Karl-Otto Völker, eine mahnende Rede gehalten. Seine persönlichen Worte und sein Appell unterstützen wir mit voller Überzeugung.

"[...] Am Volkstrauertag gedenken und trauern wir um die Opfer von Kriegen und nationalsozialistischer Gewaltherrschaft. Aus dieser Trauer entsteht der Auftrag, Friedensarbeit zu leisten und sich gegen einen zunehmenden populistischen Nationalismus und die Spaltung unserer Gesellschaft zu wehren. Das wächst aus der Erinnerung! Geben wir der Gleichgültigkeit keine Chance! [...]".

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Ich bin 1946 in Schorndorf geboren. Gehöre also dem ersten Jahrgang nach dem 2. Weltkrieg an. Im Gegensatz zu meinem Vater, Großvater und Urgroßvater gehöre ich einer Generation an, die nicht in einen Krieg ziehen musste. Ein Geschenk, in Frieden aufwachsen und leben zu können. Ein Geschenk, das nicht selbstverständlich ist. In einem Porträt der Schorndorfer Nachrichten erklärt der 97Jährige Schorndorfer Kurt Klotzbücher, dass er im sinnlosen Krieg „sieben seiner besten Jahre“ verloren habe. Von 54 seiner Schorndorfer Mitschüler fielen 19 im Krieg!

Wenn ich bei Tischgesprächen von meinen Eltern hörte, dass jemand aus der Familie im „Krieg gefallen war“, fragte ich mich in kindlicher Naivität immer, wenn der gefallen ist, „warum ist der dann nicht wieder aufgestanden?“ Erst später ist mir klar geworden, dass mit „gefallen“ gemeint ist, dass jemand getötet wurde. So wie der Bruder meines Großvaters, Christoph Völker. Im Alter von 24 Jahren starb er am 7. Juli 1915 in Frankreich. Deshalb steht sein Name auch auf dem Mahnmal hier auf dem Alten Friedhof.

Gut 100 Jahre sind seit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, mehr als 70 Jahre seit dem Ende des zweiten Weltkriegs vergangen. Was haben wir daraus gelernt? Frieden auf jeden Fall nicht! Im Gegenteil: wir sind heute mit der Tatsache konfrontiert, dass es aktuell 28 Kriege und bewaffnete Konflikte auf der Welt gibt. Seit 1945 wurden Hunderte von Kriegen überall auf der Welt geführt. Auseinandersetzungen die aus Hass und die aus ideologischer Verblendung entstanden sind. Mit Massenmorden und dem millionenfachen Tod durch unmenschliche Behandlung. Mit der Vertreibung ganzer Bevölkerungsgruppen aus ihrer Heimat und mit neuen Grenzziehungen. Kriege die das Ziel haben, einzelnen Menschen, Gruppen oder Staaten zu unterdrücken, ihnen im Namen von Nation, Volk, Rasse, Religion oder Ideologie den eigenen Willen mit Gewalt aufzuzwingen.

Warum sage ich das? Anfang des Monats hat mich ein Freund und Nachbar für eine Woche in das Benediktiner-Kloster Beuron mitgenommen. Vieles war für mich als Protestant fremd. Aber eines habe ich aus dieser Woche der Besinnung und inneren Einkehr erfahren: Mehr als je zuvor müssen die Religionen dieser Welt gemeinsam an einem Friedensauftrag arbeiten. Ob als Christen, Juden oder Muslime.
„Erinnerung ist Zukunft“: Wie wahr ist diese Feststellung! Denn gemeinsame Erinnerungen sind oft die besten Friedensstifter! Ob wir die Lektionen der Vergangenheit gelernt haben, ist noch offen. Aber wir entscheiden mit darüber, wie das 21. Jahrhundert verlaufen wird.


Nicht weit entfernt vom Remstal auf der Schwäbischen Alb, begann 1940 in Grafeneck das systematische Töten von sog. „Unwertem Leben“. Die Tante meiner Frau, Helene Krötz aus Oberurbach, war eine von mehr als 10.000 Menschen mit geistiger oder körperlicher Behinderung, die von den Nazis ermordet wurden. Helene Krötz war 21 Jahre alt. Am 18. September 1940 wurde sie von einem der „Grauen Busse“ auf Anordnung des Innenministeriums in der Anstalt Stetten abgeholt. Auf ihren Handrücken hatte man die Nummer 64 geschrieben. Noch am gleichen Tag wurde Helene Krötz in Grafeneck in der Gaskammer ermordet!
Mit der Gaskammer auf der Schwäbischen Alb fing es aber nicht an:
Es fing an mit einer Politik, die von WIR gegen DIE sprach. Es fing an mit Intoleranz und Hassreden. Es fing an mit der Aberkennung von Grundrechten. Es fing an mit brennenden Häusern und es fing an mit Menschen, denen es gleichgültig war und die einfach wegschauten.

So war es auch, als in der Reichspogromnacht die Synagogen brannten. Charlotte Knobloch, die frühere Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland hat bei einer Gedenkfeier vor zwei Wochen in München darauf hingewiesen: „Die Synagogen brannten, weil sich vorher fast niemand der Entrechtung und Diskriminierung der Juden entgegenstellte“. Zu viele haben gleichgültig zugeschaut. Wir müssen uns deshalb fragen lassen, wo stehen wir heute? Und ich kann der bisherigen Vorsitzenden des Schorndorfer Gesamtkirchengemeinderats, Annegret Scherz-Dollmann nur zu stimmen wenn sie bei einem Gespräch mit den Schorndorfer Nachrichten sagt, es beunruhige sie sehr, wie es möglich sei, dass braunes Gedankengut und ausgeprägter Judenhass in Deutschland wieder einen solchen Stellenwert bekommen hätten.

Am Volkstrauertag gedenken und trauern wir um die Opfer von Kriegen und nationalsozialistischer Gewaltherrschaft. Aus dieser Trauer entsteht der Auftrag, Friedensarbeit zu leisten und sich gegen einen zunehmenden populistischen Nationalismus und die Spaltung unserer Gesellschaft zu wehren. Das wächst aus der Erinnerung! Geben wir der Gleichgültigkeit keine Chance! Setzen wir uns ein für eine lebendige Erinnerungskultur, wie sie bei der Gedenkfeier anlässlich der Reichspogromnacht mit 330 Schülern in der Barbara-Künkelin-Halle am 8. November, vorbildlich geleistet wurde. Eine Erinnerungskultur die in Schorndorf bereits Tradition hat: Von den Stolpersteinen, Schülerfahrten nach Auschwitz und Schulen ohne Rassismus! Diese Erinnerungskultur braucht auch weiter unsere Unterstützung!

Von Albert Schweitzer stammt der Satz, dass Soldatenfriedhöfe die großen Prediger des Friedens sein mögen. Dann kann Frieden beständig sein, wenn wir begreifen welches Leid Kriege und Gewaltherrschaft anrichten.

Sind all diese Menschen, derer wir heute auf dem Alten Friedhof gedenken sinnlos gestorben? Auf diese Frage gibt es nur eine Antwort: NEIN! Und es ist unsere Aufgabe, dem Tod dieser Menschen einen Sinn zu geben, indem wir erinnern, verstehen und handeln!
Ich danke Ihnen.

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